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„Christen und Muslime sind Bundesgenossen.“
Interreligiöser Dialog muss zunächst in den Köpfen ankommen. Diese Tatsache bewies einmal mehr eine Wiener Diskussionsrunde mit P. Gregor Henckel-Donnersmarck OCist und Dr. Fuat Sanac. Hitzig ging es entsprechend nicht auf dem Podium, sondern im Publikum zu.

- Dr. Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Föderation in Österreich; Stefan Beig, Redakteur der „Wiener Zeitung“; P. Gregor Henckel-Donnersmarck O.Cist., Altabt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz (v.l.n.r.) (© f1rstlife.de / Ulrich Nagel)
Zur Podiumsdiskussion unter der Leitung des Wiener Journalisten Stefan Beig hatte das Wiener „Institut für Religiösität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (IRPP) eingeladen, das bereits im Juni des vergangenen Jahres ein großes Symposium in einer Wiener Moschee organisiert hatte. Wie P. Gregor Henckel-Donnersmarck OCist, Altabt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz, gleich zu Beginn betonte, bedeute dieser Dialog für ihn in erster Linie die Förderung des „Gesprächs von Glaubenden“. Gerade in Westeuropa bestehe eine Bundesgenossenschaft zwischen Muslimen und Christen, die gemeinsam gegen die „absolutistische Diktatur des Relativismus“ vorgehen müssten. Dr. Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Föderation in Österreich, pflichtete dem Ordensmann mit der Feststellung bei, dass Dialog im Wesentlichen eine normale menschliche Beziehung bedeute: „Ein organisierter Dialog ist an sich problematisch, weil er Kategorien von Sieg und Niederlage miteinschließt.“
Staatliche Anerkennung seit 100 Jahren
Die Rolle des Islam in Österreich unterscheidet sich von der deutschen Situation durch seine rechtliche Stellung und seine lange Tradition staatlicher Anerkennung. Denn bereits 1912 verlieh die habsburgische Doppelmonarchie den Muslimen den Status als offizielle Religionsgemeinschaft. Ausgelöst durch den Erwerb des mehrheitlich muslimisch geprägten Bosniens, konnten die Muslime in Österreich von nun an Moscheen bauen und Imame in der Soldatenseelsorge einsetzen. In der Tradition dieses Gesetzes genießt der Islam bei unseren südlichen Nachbarn die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts: Muslimische, bekenntnisgebundene Schulen können beispielsweise ohne weitere Auflagen gegründet werden.
Trotz dieser langen Geschichte religiöser Toleranz stößt der Islam auch in Österreich auf Vorbehalte und tiefe Skepsis. Dies belegten einzelne wütende Zuschauerreaktionen, die den Worten des türkischen Verbandsvertreters keinen Glauben schenken wollten. Sanacs Äußerung, dass Christen als „Leute des Buches“ und Gläubige einer monotheistischen Religion im Islam anerkannt werden, wollte dieser Teil des Plenums ebenso wenig akzeptieren wie seinen Kommentar zur langen demokratischen Tradition im Islam: Diese beruhe nämlich auf der Tatsache, dass die aus Arabien vertriebenen Kalifen in der neuen afrikanischen Heimat vom Volk gewählt wurden.
Junge Zuhörer viel aufgeschlossener
Souverän trat Henckel-Donnersmarck diesen mitunter feindseligen Stimmungen entgegen. In Abwandlung eines politischen Plakatspruchs rief der Zisterzienser laut aus: „Der Islam ist bei uns daham!“ Die öffentlich gelebte Religiösität vieler Muslime bezeichnete er als „positive Provokation für uns Christen“. Doch in seiner Solidaritätsbotschaft meldete der in Breslau geborene Priester auch Kritik an: Sanac bat er, seine guten Kontakte zur türkischen Regierung dafür zu nutzen, dass der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel wieder eine staatlich legitimierte Priesterausbildung anbieten kann. Außerdem müssten die Muslime die historisch-kritische Exegese des Korans zulassen, um den zahlreichen vermeintlichen Doppeldeutigkeiten entgegen zu treten.
Auffallend waren die zahlreichen pragmatischen Kommentare der jungen Leute im Publikum, unter ihnen auch mit Kopftuch bekleidete junge Frauen. Ein Student muslimisch-katholischer Eltern verwies auf die friedliche, für ihn beispielhafte Gemeinschaft in seiner Familie; eine aus Bosnien stammende Studentin bemängelte, dass viel zu viel über den Islam in der Türkei und in arabischen Ländern diskutiert werde, anstatt die Situation in Österreich zu beleuchten. Insofern teilte sich das Publikum nicht nur zwischen einer aufgeschlossenen und einer aggressiv-skeptischen Einstellung: Jener Graben teilte auch die Generationen an diesem Abend.





Der Name "christliches Abendland" suggeriert, dass das Abendland ein christliches wäre. Doch was ist in Europa christlich? Die Gesetzgebung? Die Kultur? Zwar sind über 80 % der Bewohner Europas christlich - doch dies sieht man dem Kontinent nicht an.
Natürlich sind viele Werte wie Freiheit, Gleichheit, Schönheit ohne das Christentum in ihrer Bedeutung, wie wir sie kennen und schätzen, nicht in dem Maße denkbar. Daher ist es wichtig, dass das Christentum nicht mit einer Leitkultur gleichgesetzt wird. Mit einer einzigen Leitkultur kann es gleichgesetzt werden, nämlich mit der der Kirche. Aber es ist keine staatliche Leitkultur, die unter dem Mantel der Religion Kolonialismus betreiben kann.
Die Religion ist mit Werten verknüpft, aber nicht mit einem Land - wie man auch an Europa sehen kann. Christentum bringt von seinem Wesen her eine Veränderung der Gesellschaft. Und das nicht nur (oder nicht mehr) in Europa.
Es ist richtig, dass es keine "Heimat" einer Religion gibt und geben darf.
Jedoch besteht durch die Tradition und Kultur einer Region, bspw. des Christlichen Abendlandes, eine Leitkultur, zu der unabdingbar eine "Leit-"Religion gehört, denn auf dieser baut die Kultur auf. Eine Leitkultur und "Leit-"Religion hat nichts mit Heimat zu tun, vielmehr mit allgemein gültigen Werten und Moral.
So entsteht in einer gewissen Weise eine Zuordnung zwischen Land und Religion, die jedoch nicht zur Heimat im Sinne von "nur hier ist die Religion richtig" werden darf; denn auch in anderen Ländern kann und darf die Religion ausgeübt und getragen werden.
In der ganzen Debatte hilft es nicht, wenn der Altabt sagt, dass der Islam bei uns daheim ist. Religion hat keine Zonen, wo es "daheim" ist, und wo es "fremd" ist. Das Christentum ist dementsprechend in Europa genauso "daheim" und "fremd" wie in Saudi Arabien. Folgt man der Argumentation vom Altabt weiter, so kann man auch ruhig entgegnen, dass das Christentum in der Türkei eben nicht "daheim" ist und daher unterdrückt werden kann.